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Rückblick 2016: Vietnamesische Nachtzüge

Um euch zu eigenen Beiträgen für den laufenden Fotowettbewerb zu inspirieren, blicken wir auf Einsendungen aus dem Vorjahr zurück. Den Anfang macht Lea, die nicht nur ihr Foto, sondern auch folgende Geschichte mit uns teilt.

Vietnamesische Nachtzüge

Um vier Uhr sind wir in den Nachtzug nach Hanoi gestiegen, der Vierte auf unserer Südostasien-Reise. Im Abteil neben mir wird getrunken und ab und zu höre ich die Engländerinnen irgendetwas
kreischen. Ich sehe lieber aus dem Fenster und beobachte die vorbeiziehenden Wälder und die Reisfelder auf denen Frauen mit typischen asiatischen Hüten arbeiten und wie sich dabei der wolkige
Himmel langsam verdunkelt.
Es fühlt sich ein bisschen so an, als würde ich im Hogwardsexpress sitzen. Ich liebe diese Art der Fortbewegung. Alles ist ein wenig in die Jahre gekommen, dunkles schäbiges Holz, braune Blümchen
Gardinen aus den Siebzigern und an der Wand krabbelt hin und wieder eine Kakerlake entlang. Dazu ruckelt es wie verrückt, aber ich möchte trotzdem schreiben, denn ich war wahrscheinlich selten so
glücklich, wie in diesem Moment.
Seit drei Tagen habe ich nicht geduscht, weil es bei der Gastfamilie kein fließendes Wasser oder Strom gab. Den Pulli trage ich auch seit einer Woche ununterbrochen, weil er das einzige warme
Kleidungsstück ist, das der Backpack hergibt. Vermutlich stinke ich mittlerweile ein wenig. Geschminkt habe ich mich schon lange nicht mehr und mein Handy ist sowieso tot. Und vielleicht gerade aus diesen Gründen, habe ich endlich das Gefühl bei mir selbst angekommen zu sein.
Draußen fängt es jetzt an zu Gewittern, kühle Luft dringt durch das Fenster herein, der Zug quietscht als er in eine Kurve fährt und der Regen hämmert gegen die Scheibe. Das Geräusch übertönt die
schreckliche Musik von nebenan. Victoria sitzt mir gegenüber. Sie sieht von ihrem Buch auf und lächelt mich an. Ich weiß, was sie denkt und bin unbeschreiblich dankbar, dass sie es ist, mit der ich
diesen Moment, hier am anderen Ende der Welt, schweigend teile.

Ich schreibe in mein Notizbuch: Das Leben kann so schön sein, dass es gar nicht perfekt sein muss.

Lea ließ sich auch von Kakerlaken an der Wand nicht abschrecken – für sie war 2016 ein vietnamesischer Nachtzug DER Schreibort schlechthin.

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