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Schreiben in der DNB – Gastbeitrag von Stephanie Dreyfürst

Mein Lieblingsschreibort befindet sich der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt. Ich habe dort fünf Jahre lang an meiner Dissertation geschrieben, meist an vier Tagen die Woche. Weil ich zwar Menschenmengen nicht sonderlich mag, aber trotzdem nicht ganz alleine zu Hause vor mich hinschreiben wollte, habe ich mir einen Platz in der Bibliothek gesucht, der etwas weiter entfernt vom großen Hauptlesesaal lag.

Am äußeren Ende der Bibliothek befindet sich ein Tisch für vier Personen, an dem habe ich an jedem Schreibtag gesessen. Wenn ich vom Schreiben und Sitzen auf den (zugegebenermaßen recht harten) Stühlen müde wurde, konnte ich auf einen der sehr bequemen Ledersessel am großen Fenster ausweichen und nachdenken, lesen, nach Draußen schauen. Meistens war ich morgens eine der ersten am Einlass, damit ich auch sicher meinen Lieblingsschreibort besetzen konnte.

 

Fünf Jahre sind eine lange Zeit. Sie gaben mir Gelegenheit, die anderen Schreibenden und Angestellten der Bibliothek kennen zu lernen. Das war manchmal überraschend nett, manchmal aber auch durchaus anstrengend. Man lernt, dass es Menschen gibt, denen still sein schwer fällt. Und man sieht, dass fast jede*r nach der Mittagspause in eine Art Denkkoma fällt: Die Schnarchgeräusche des älteren Herrn, der für sein Mittagsschläfchen einen jener bequemen Ledersessel aufsuchte, sind mir noch deutlich im Ohr.

Wenn ich mir eine kleine Schreibpause gönnen wollte, habe ich manchmal Listen verfasst, die sich um das Schreiben drehten. Einmal habe ich zum Beispiel “Zehn Dinge, die ich an Menschen in Bibliotheken hasse” notiert, um mir meinen Frust über das teilweise verbesserungswürdige Sozialverhalten der Anwesenden von der Seele zu schreiben. Die mittlerweile sieben Jahre alte Liste habe ich tatsächlich noch:

ALT – Awful Library Things

1. Answering your phone
2. Talking
3. Whistling entire tunes while studying musical chords
4. Squeaky shoes (according to a german saying that means they aren’t paid for)
5. Excessive page turning (sorry, I know it sounds weird, but some people turn pages
extremely loudly and that annoys the hell out of me)
6. Repeated Foot Tapping (=RFT in my dictionary of ALT= Awful Library Things)
7. Body odour, I don’t care of which origin
8. Staring. I know working with one’s brain is bloody exhausting sometimes, but the
impertinent stares of people who are obviously already through with a day’s ‚work‘
pensum is annoying, too. Go home when you’re done or incapable of concentrating
for more than 7 seconds on one topic
9. Cosmetic ‚enhancement‘. It’s a library, not a beauty parlor, girls. So please redo your
hair/nails/facial hair structure at home
10. Blocking seats in the morning and then leaving for two hours to drink coffee.

Warum war also trotzdem diese Bibliothek, dieser Tisch mein Lieblingsschreibort? Der wichtigste Faktor war sicherlich die Architektur dieser großartigen Bibliothek: Lichtdurchflutet, hohe Decken, aber auch kleine Winkel, in die man sich zum Lesen zurückziehen konnte, und – natürlich ziemlich wichtig – schneller Zugang zu allen denkbaren Büchern. “Gemeinsam ist man weniger allein”, so hieß einmal ein Kinofilm, und das könnte als Motto durchaus zu meinem Schreibort passen. Denn trotz der kleineren Irritationen war ich dankbar, nicht allein an meinem heimischen Schreibtisch sitzen zu müssen. Ich bin mir sicher, dass meine Arbeit nicht dieselbe geworden wäre, hätte ich nicht einen so inspirierenden Schreibort gehabt.

 

Dr. Stephanie Dreyfürst ist Leiterin des Schreibzentrums der Goethe-Universität Frankfurt. Wir danken für ihren Beitrag.
Habt ihr eine ähnlich innige Beziehung zu
eurer Bibliothek? Dann macht Bilder und nehmt teil an unserem Fotowettbewerb.

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